Es gehört schon fast nicht mehr zum guten Ton, sondern zum Standard: Wer das Leben, oder zumindest Weihnachten, für seine Kunden versüssen will, muss Gebühren für jegliche Art von Lieferungen streichen. Und zwar ohne eine spezielle Mitgliedschaft oder einen Mindesteinkaufsbetrag – man will doch schliesslich mit den Grossen mitmachen; den Zalandos, Digitecs und Co., auch wenn es nur für kurze Zeit ist.

Mit dem Angebot, über die Weihnachtszeit gratis zu liefern, hat sich beispielsweise der amerikanische Grosshändler Target einen guten Startplatz im Rennen um den Dollar der Konsumenten ergattert. Und auch wenn dieses Angebot nur für eine limitierte Zeit verfügbar war (1. November bis 22. Dezember), der Effekt wird noch spürbar sein, wenn das letzte Geschenk ausgepackt worden ist.

Die Auswirkungen von kostenfreien Lieferungen sind allerdings nicht ohne. Warenkörbe werden kleiner und das Rennen um die letzte Meile kostet für den Retailer unverhältnismässig viel – die Kostenrechnung stimmt überhaupt nicht mehr.

Was sind die langfristigen Implikationen von solchen Angeboten auf den Einzelhandel?
Solche Liefer-Goodies erzeugen zusätzlichen Druck auf alle Marktteilnehmer, diesen dominanten, gemeinsamen Nenner anzustreben: schnelle, kostenfreie Lieferungen. Dieser Nenner ist ein eindeutiger Konvertierungs-Treiber für Einzelhändler und legt längerfristig den Standard fest, dass zu jeder Zeit schneller, kostenloser Versand erwartet wird. Diese erwartete Norm zwingt Händler zu höchster Effizienz, um bei hohen Versandkosten noch erfolgreich zu bleiben.

Und was haben wir über diese Feiertage beobachtet?
Jede Saison wird kompetitiver als die letzte. Händler und Marken beginnen jedes Jahr früher und früher in der Hoffnung, des Kunden Aufmerksamkeit und Loyalität zu gewinnen und sie früher dazu zu bringen, Geschenke zu kaufen. Es werden alle Kanäle penetriert, um das bestmögliche aus den Festtagen zu holen.

Was bedeuten solche Aktionen für die Grossen?
Nun, es ist eher unwahrscheinlich, dass eine solche Aktivität die Leistung von den Grossen, die sowieso gratis Liefern, irgend einer Weise beeinflusst hat. Nicht bei den Millionen von Produkten, die beispielsweise Amazon unter dem Prime-Programm verkauft und andere Retailer sehr langsam sind, selber auf die gleiche Höhe zu kommen. Viele können schlichtweg nicht diesen Service von Same-Day, Next-Day, Filmen, Musik, etc. – die Liste geht unendlich weiter – bieten.
Und wer hat über 100 Distributions-Center, wie Amazon es in den USA hat? Die meisten Retailer haben fünf oder weniger.

Und was machen Grossverteiler?
Der Amerikaner Walmart bietet beispielsweise die Möglichkeit, ab einen Einkauf von 35 Dollar gratis zu liefern. Schnelle, kostenlose Lieferungen werden schlichtweg zum Standard. Und so wird der Kampf um den nächsten USP die Lieferung sein – aber sehr schnell wird es um viel mehr gehen, um sich noch vom Rest differenzieren zu können. Es geht nämlich um den allerbesten Kundenservice. Nehmen wir nochmal das Beispiel Walmart: dort wird ein Preisnachlass offeriert, wenn die Bestellung im Laden abgeholt wird. Es geht darum, wie praktisch und einfach es für Kunden wird – egal, in welchem Kanal.

Wie können Retailer, speziell stationäre Händler, die kostenintensive Läden betreiben, solche Free-Shipping-Angebote überhaupt wahrnehmen?
Es gibt zwei Wege, wie der stationäre Handel in solchen Situationen mithalten kann: Läden können als Mini-Distributions-Center verwendet werden. Sie sind an den besten Locations für schnelle, günstigere Lieferungen aus den Läden raus. Und sie können den Vorteil, physische Locations zu haben nutzen, indem sie diese als Showrooms verwenden. Viele Konsumenten wollen ein spannendes Einkaufs-Erlebnis, wo sie anfassen, schmecken, fühlen können. Wenn Ware zusammen mit diesem einzigartigen Erlebnis direkt nach Hause geliefert werden kann, sollten sich traditionelle Retailer überlegen, die positive Erinnerung, die schon seit so langer Zeit in den Köpfen der Konsumenten platziert ist, für mehr zu nutzen, anstatt bloss ein grosses Lager zu spielen.

 

 

 

Quelle: https://www.forbes.com/sites/barbarathau/2018/10/28/what-targets-free-two-day-holiday-shipping-perk-means-for-retail-long-term/#76d1f5a9cecc

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